Konradsgeschichte2019-03-25T17:28:01+00:00

Keinen allein lassen

Schmerzen in den Knien. So fing es an. 1983. Die Ärzte meinten, das sei nichts Schlimmes. Eine Überanstrengung, nichts dramatisches. Und es war tatsächlich eine turbulente Zeit. Ich baute gerade ein Haus, beruflich war ich Automatisierungstechniker und zu dieser Zeit mitverantwortlich für die Errichtung eines Heizkraftwerkes. Als die Wende kam, musste ich noch einmal neu anfangen, machte eine Ausbildung zum Immobilienfachwirt. Also ja, ich glaubte den Ärzten die These von der Überanstrengung. Ich nahm die dauernde Entzündung meiner Knie hin. Der Schmerz wurde ein unsichtbares Familienmitglied.

Medikamente? Kamen für mich nicht in Frage. Schließlich ist Überanstrengung keine Krankheit, die man mit Tabletten bekämpfen könnte. Eines Tages würde ich ruhiger treten, der Schmerz würde aufhören. Es kam anders: Eines Tages brach ich in meinem Büro zusammen. Die Diagnose der Ärztin: Borreliose. Ich fragte: Was bitte?

Eine Zecke sollte die Ursache für meine ganzen Leidensjahre sein? Ich war knapp über 40. Es dauerte, bis ich begriff, dass vieles wohl eine Folge der Borreliose war: Das Verschwinden des Knorpelgewebes in meinen Knien, die damit verbundenen wahnsinnigen Schmerzen und nun auch noch Rheuma. Keine Schmerztablette, kein Antibiotikum wirkte mehr. Mein Immunsystem kollabierte. Ich kam von einer Klinik in die nächste. Das Arbeitsleben war zu Ende. Und damit auch viele mit dem Beruf verbundenen Freundschaften. Zu den Schmerzen kamen Depressionen. Es dauerte, bis ich realisierte: Du musst etwas tun!

Es machte Mühe, sich Informationen zu beschaffen. Ich war vielleicht 44, als ich zum ersten Mal einen Flyer der Selbsthilfe bewusst wahrnahm. Aber wie sollte ich eine Selbsthilfegruppe finden. Das Internet steckte noch in den Anfängen. Schließlich fand ich die Borrelioseselbsthilfe Berlin-Brandenburg. Der erste Besuch dort war ein Schock. Denn ich sah plötzlich Menschen, die mit Gesichtslähmungen kämpften, Sprachstörungen. Ich blickte plötzlich in eine Zukunft, wie sie sein könnte.

Entmutigen ließ ich mich nicht. Denn eines wurde mir schon beim ersten Besuch klar: Hier bekommst Du die besten Informationen. Hier halten Ärzte Vorträge, berichten über den Stand der Forschung. Endlich konnte ich mich mit Menschen austauschen und offen über die Probleme reden, mit denen ich meine Familie, mein Umfeld stets verschonen wollte. Und ich fand es immer wichtig, anderen mit den eigenen Erfahrungen zu helfen. Nicht die Mediziner sind es, die uns Informationen geben. Es ist schon lange die Selbsthilfe, die das tut. Auch deshalb gründete ich die erste Borreliose-Selbsthilfegruppe in Potsdam und betreibe mit anderen heute ein Selbsthilfe-Radio. So hoffen wir, gute, fundierte und geprüfte Informationen an die Menschen zu bringen, die sich von den Medizinern allein gelassen fühlen.

Konrad Winkler (63)
Selbsthilfegruppe Borreliose, Potsdam

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